Vertrieben aus der Heimat

Bei dem Besuch des hiesigen Riesengebirgsmuseums am 23. Oktober informierte sich die Klasse 10d im Rahmen des Geschichtsunterrichts über die geflüchteten und vertriebenen Menschen aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reichs.

Die Beschäftigte des Stadtarchivs, Frau Berger, wusste einiges zu berichten, da sie in ihrer museumspädagogischen Arbeit auch Forschungen zur Regionalgeschichte betreibt. So stellte sie unter anderem die bewegende Lebensgeschichte des Josef Werner vor. Er kam wie so viele andere als Flüchtling nach Marktoberdorf und blieb dort bis zu seinem Lebensende. Durch seine Tagebucheinträge kann man die Trauer um das Verlorene, „Einst trug ich schöne Anzüge feinster Stoffe“, und die Sorge um die zurückgebliebenen Eltern Jahrzehnte später noch nachempfinden. Er sollte sie noch eine sehr lange Zeit nicht sehen. Die Spuren einer jahrelangen Unterbringung im Gemeinschaftslager werden durch die Tagebucheinträge vom 21. und 30. April 1948 nachvollziehbar: „Ich habe die Nase voll: Ich bin außer mir. Diese ekelhaften Stänkereien. Fluchtartig verlasse ich das Zimmer (...) Oh wäre ich doch bald im Besitz eines kleinen, aber eigenen Zimmers!“ Den traumatischen Krieg hatten die Menschen hinter sich gelassen. Aber auch jetzt war der Mangel noch ein ständiger Begleiter im Nachkriegsdeutschland. Mittels Lebensmittelmarken erhielt man seine Tagesration, die heutzutage lediglich ein ärmliches Mittagessen abgeben würde. Josef  Werner beschreibt in seinem Tagebucheintrag vom 27.11.1947 die Situation in einem Wirtshaus, als ein junger Polizist ihn um Feuer bittet. „Ganz automatisch bedaure ich zunächst. Aber dann denke ich, er ist so freundlich, und rücke meine Streichhölzer hervor. Als ich dann nur eine Suppe bestelle, fragt er, ob ich keine Kartoffelmarken hätte. Und als ich ihm sage, dass ich die wenigen bereits für Mittag eingeteilt habe, schenkt er mir 1000g. Und zur Suppe gibt er mir noch ein Bretzel. Ich wollte es anfangs nicht annehmen, aber er besteht darauf. So etwas findet man selten.“ Der junge Polizist gibt damit nicht nur die doppelte Tagesration an Kartoffeln- er gibt damit Jahrzehnte später auch ein eindrucksvolles Zeugnis für Mitmenschlichkeit in einem entbehrungsreichen Alltag. Diese Tat hat die Zeit überdauert.

Ein anschließender Rundgang durch das gemütliche Museum, begleitet und kommentiert von Frau Berger aus dem Stadtarchiv, gab einen Eindruck vom Leben der damaligen „Flüchtlinge“ und rundete die Unterrichtseinheit Flucht und Vertreibung gewinnbringend ab.

Katrin Herz